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Buchtipp: Stille Post (Urs Widmer)

23. April 2012

Urs Widmer. Das ist so ein Name, den ich irgendwo schon mal gehört hatte. Wahrscheinlich in Zusammenhang mit dem Stück „Top Dogs“, das ich aber auch nie gelesen oder gesehen hatte. Es wurde mal Zeit, dass ich etwas von dem Schweizer lese. Meine Wahl fiel auf „Stille Post“. Bei dem gleichnamigen Spiel läuft es ja eigentlich immer darauf hinaus, das von dem ursprünglich gesagten Satz nichts mehr übrig ist. Trotzdem haben alle etwas zu Lachen. Passenderweise geht Urs Widmer sehr spielerisch mit Sprache um. Im Klappentext wird ein „poème en prose“, also ein Gedicht in Prosaform angekündigt und besser kann man dieses Buch wohl nicht beschreiben. Darin sind 11 Texte der letzten Jahre versammelt. Es geht um so unterschiedliche Dinge wie eigentlich alltägliche Begebenheiten, die Schöpfung der Welt und Machtbeziehungen.

Aber nicht um Kinderspiele. Stattdessen hat der Autor auf eine ganz eigene Art und Weise Stille Post gespielt. Er hat einen Text verfasst und ihn der Reihe nach an 6 Übersetzer gegeben. Jedem Text folgt dann ein kurzer Kommentar eines Fachmanns oder einer Fachfrau. Ganz am Ende, nach einer zweiten deutschen Fassung, gibt Urs Widmer dann noch mal selber einen Kommentar ab. Einerseits hat der Autor eine schöne Geschichte geschrieben. Andererseits ist es sehr interessant, die fremdsprachigen Versionen zu lesen und zu sehen, wie sie sich von den anderen Varianten unterscheiden. Bei dem chinesischen und dem russischen Text musste ich persönlich zwar passen, aber in den Kommentaren von Fachleuten wird immer wieder auf Veränderungen und Übersetzungsprobleme hingewiesen. Das Ganze wird also schon fast wissenschaftlich, aber sehr unterhaltsam.

Auch in seinen anderen Texten spielt er mit der Sprache und auch mit einem alten Text. „Damals und Jetzt“ entstand vor ein paar Jahren sozusagen als ein Dialog des Autors mit sich selbst. Er hat einige unveröffentlichte Texte kommentiert, die bis 1978 entstanden waren. Dabei stellt er sich selber Fragen, kritisiert sich, oder setzt die kleinen Geschichten fort. Und das ist natürlich nicht nur eine persönliche Auseinandersetzung sondern auch eine mit der Geschichte der letzten Jahre.

Ich muss gestehen, dass ich am Anfang ziemliche Probleme mit dem Buch hatte und nach dem 2. Text schon fast aufgeben wollte. Ich habe das Buch dann erst mal zur Seite gelegt. Dann habe ich den nächsten Text, “Macht und Ohnmacht” gelesen. Und ab da war ich begeistert und habe den Rest in einem Schwung gelesen. Es sind einfach im wahrsten Sinne des Wortes fantastische Geschichten, die sehr oft gleichzeitig schön und traurig sind. Die kann man aber nur wertschätzen, wenn man sie in Ruhe, und nicht in der U-Bahn liest. Es ist genau das richtige, um es sich damit bei schlechtem Wetter auf dem Sofa gemütlich zu machen und in eine andere Welt einzutauchen.

Urs Widmer: Stille Post. Diogenes Verlag, 176 Seiten, 19,90 Euro.

One Comment leave one →
  1. 16. August 2012 10:57

    Auch ich habe das Buch gelesen und inspiriert dadurch, haben wir ein ein kleines Spiel entwickelt. Der Name: „Stille Post“. Wie viel durch Übersetzungen verloren gehen kann, wird gut gezeigt. Schlimm wird es erst, wenn mehrere Sprachen dazu kommen.

    Wer Lust hat, dass mal selbst auszuprobieren:

    http://www.copypanthers.de/lost-in-ubersetzungsburo

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