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Nicht nur das schönste, sondern auch ein richtig gutes Buch: Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky

6. September 2012

Ich weiß ja nicht, wie das bei euch ist, aber wenn ich nach einem Abitreffen zu später Stunde nach Hause komme, dann noch schnell ein paar Seiten lesen will und daraus direkt 50 werden, spricht das für das Buch. Ich hatte das Buch geschenkt bekommen und es war ein Volltreffer.
Als erstes fällt natürlich die äußere Gestaltung auf. Ein leinengebundenes Buch. Was für eine Wohltat. Ich habe nicht nachgemessen und vielleicht liegt es an der abgedruckten Giraffe, aber es scheint, als wäre das Buch schmaler und höher als das übliche Format. Die Farbe ist schwer zu beschreiben. Gibt es die Farbe grau-sand? Mich erinnert sie auf jeden Fall an mein Lexikon aus den Zwanziger Jahren, das ganz ähnlich aussieht. Wer sich selber einen Eindruck verschaffen möchte, sehe sich den Hintergrund der dazugehörigen Webseite an. Die Schrift ist schwarz und ganz leicht eingeprägt. Das Bild der Giraffe ist hingegen ganz oberflächlich. Es wäre vielleicht auch ein bisschen gruselig, wenn man die Knochen des Tieres spüren könnte. Ganz unpassend wäre es aber nicht.
Auf der Rückseite ist eine Inhaltsangabe (1 Satz!) abgedruckt, dazu ein Zitat (3 Sätze). Dieser wenige Text ist beeindruckender als die übliche Lobhudelei. Im Klappentext Bingo von Kiepenheuer und Witsch findet man ‚schöne‘ Beispiele dafür. Aber mit der äußeren Gestaltung ist ja noch nicht alles gewonnen. Innen geht es so weiter!
Ich muss zugeben, dass ich ein paar Seiten gebraucht habe, bis ich bemerkt habe, dass nicht nur auf der linken Seite jeweils der Titel des Abschnitts steht (es gibt 3: Naturhaushalte, Vererbungsvorgänge, Entwicklungslehre, die jeweils an einem Tag spielen), sondern auch auf der rechten Seite jeweils ein zum Text passendes Stichwort. Das liest sich wie das Inhaltsverzeichnis eines Biologiebuches. Ein paar Beispiele: Parasitismus, Keimdrüsenreifung, Anthropogenese, Sexualdiphormismus, Artensterben, Mendel’sche Gesetze, Domestikation… In unregelmäßigen Abstand wird der Text von wunderschönen schlichten Zeichnungen von Tieren und Zeichnungen unterbrochen, natürlich wieder passend zum Inhalt.
Hatte ich schon erwähnt, dass die Hauptperson aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, Biologielehrerin ist? Oft hatte ich eine Vorstellung davon, was diese Begriffe bedeuten (3 Jahre Bio-LK haben sich also doch mal gelohnt!), auf der jeweiligen Doppelseite werden sie mit Leben gefüllt. Dass es sich sehr oft um Begriffe aus der Tierwelt handelt, die hier vor allem auf die Schüler angewendet werden, macht die Sicht von Inge Lohmark auf die Welt deutlich. Sie weiß, dass ihre jetzige 9. Klasse die letzte an der Schule ist, die nach dem Abitur dieser Schüler geschlossen werden wird. Ihre Kleinstadt in Vorpommern stirbt langsam aus. Eine andere Schulform als das Gymnasium kommt für sie als Arbeitsplatz nicht in Frage. Schon ihre jetzige Klasse kann ihren Ansprüchen kaum genügen. Die einzige zu der Lohmark weniger streng und fast freundlich ist, ist die Schülerin Erika. Zu ihr entwickelt die Lehrerin eine seltsame Zuneigung, bei der man nicht daran denken möchte, wie sie enden könnte. Trotzdem hilft sie Erika nicht, die von der Klasse gemobbt wird. Dadurch wird die Situation natürlich nicht entspannter.
So sicher wie sie als Lehrerin ihren Frontalunterricht durchzieht, ist sie seelisch verkrüppelt. In ihrem Leben ist vieles anders gelaufen, als sie es sich gewünscht hat. Mit ihrem Mann verbindet sie nicht viel mehr als die Tatsache, dass er im gleichen Haus wohnt. Ihre Tochter wohnt schon seit Jahren in den USA und hat kaum Kontakt mit ihr. Sie ist gefangen in ihren von der Biologie geprägten Denkmustern. Sie bewertet alles nach den Grundsätzen des Darwinismus. Eine Entwicklung ist hier nicht zu erwarten, das kann auch der Untertitel ‚Bildungsroman‘ nicht vortäuschen. Schließlich war früher für sie ja auch einiges besser, damals in der DDR. Da wurde sie wenigstens einmal im Jahr am Tag des Lehrers gefeiert.
Es ist ein aufwühlendes Buch, das mich total in seinen Bann gezogen hat. Diese klare Sprache für diese gebrochene Figur. Ich kann ihr Verhalten nicht nachvollziehen oder gutheißen, wirkliches Mitgefühl wird für sie aber auch nicht geweckt. Das Umfeld ist realistisch gezeichnet, die Landflucht im Osten ist keine Dystopie. Für Frau Lohmark gibt es hoffentlich kein reales Vorbild. Aber wundert euch nicht, wenn ihr nach der Lektüre ganz anders über eure Biologielehrer denkt.

In einem Monat sendet SWR 2 das Hörspiel zum Roman: 03.10.2012 18:20 Uhr, Ursendung. Bearbeitung und Regie: Beate Andres.

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe. Suhrkamp Verlag, 224 Seiten,  21,90 € .

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