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Es hat ein wenig gedauert, aber wir haben uns gefunden: Henning Mankells „Erinnerung an einen schmutzigen Engel“

13. September 2012

Ende Juli hatte ich mich bei LovelyBooks angemeldet, mich zuerst überhaupt nicht zurecht gefunden um dann auf eine Leserunde zu Henning Mankells neuem Afrika Buch zu stoßen. Ich war wirklich gespannt auf „Erinnerung an einen schmutzigen Engel“, nachdem ich vor einigen Jahren „Tea Bag“ gelesen und danach „Das Geheimnis des Feuers“ und „Das Rätsel des Feuers“ gehört hatte. Mit der Figur Wallander konnte ich hingegen nichts anfangen. Einen Roman habe ich gelesen und der war einfach nichts für mich. Jetzt gehörte ich zu den 25 glücklichen Testlesern, die das Buch vom Verlag geschenkt bekamen. Meine Meinung will ich natürlich auch außerhalb von LovelyBooks loswerden.

Dem Roman ist ein Zitat von Platon vorangestellt:

Es gibt drei Arten von Menschen: jene, die tot sind, jene, die leben, und jene, die über die Meere segeln…“

Ich finde das Zitat sehr schön und auch spannend, weil ich ja schon wusste, dass die Hauptfigur Hanna mit dem Schiff von Schweden nach Afrika fährt und somit wohl der dritten Art angehören muss. Nach dem Lesen finde ich es immer noch sehr passend, da sich Hanna in Afrika weder den Weißen noch den Schwarzen zugehörig fühlt und damit auch eine dritte Gruppe bildet. Das trifft auch auf ihren geliebten Affen Carlos zu, der nicht mehr nur Affe ist, aber eben auch kein Mensch.

Im Jahr 1904 lebt Hanna (17) mit ihrer Familie in einem schwedischen Dorf und leidet unter Armut und Kälte. Sie ist die älteste Tochter und muss das Haus verlassen. Sie soll fortan bei Verwandten an der Küste leben. Man kann sich das harte Leben anhand der Schilderung gut vorstellen, Mitleid erweckt Mankell mit seinem Schreibstil nicht. Natürlich kommt alles anders als geplant und so landet sie einige Monate später in Afrika und ist bereits Witwe.
Die Umgebungstemperatur ist Hanna als gestiegen, im Gegensatz dazu konnte ich mich für das Buch noch nicht sehr erwärmen.Wie gut, dass ich wegen der Leserunde zum Weiterlesen gezwungen war.

Ihr vermeintliches Hotel entpuppt sich als Bordell. Mit diesem hat Mankell einen ganz wundersamen Ort geschaffen und Hanna hätte wohl in keinem größeren Kontrast ankommen können. Ich habe ja immer befürchtet, dass sie nach ihrer Erholungsphase angestellt wird. Eigentlich bin ich die ganze Zeit davon ausgegangen, dass Hanna zunächst selber als Prostituierte arbeitet, bevor sie das Bordell übernimmt. Aber das war eine Fehleinschätzung und wurde wohl durch die Bezeichnung „schmutziger Engel“ bei mir hervorgerufen. Was genau damit gemeint ist, klärt sich übrigens nicht ganz auf.

Ein großes Thema in dem Buch ist der Rassismus, den Mankell ganz schnörkellos schildert. Die Portugiesen fühlen sich den Schwarzen überlegen und machen das auch in ihrem Verhalten deutlich. Hanna ist davon entsetzt, passt sich aber teilweise an. Sie misstraut aber nicht nur den Schwarzen, sondern auch den Weißen. Dafür gibt es auch oft gute Gründe. Es gibt einige Figuren, die man wirklich hassen kann. Komplett sympathisch ist eigentlich niemand, aber es gibt jede Menge Figuren, die man nicht wirklich einschätzen kann und diese haben das Buch für mich sehr interessant gemacht. Ich wusste nie, was ich als Nächstes zu erwarten habe. Ich finde es gut, dass man so viele Personen nicht ganz klar einordnen kann, allen voran natürlich Hanna. Besonders hervorheben möchte ich hier zwei Männer, da diese sich auch zum Thema Rassismus äußern.
Ich will nicht zu viel verraten, aber mit Nunez hat sie geschäftlich zu tun. Sie lernt ihn in der Kirche kennen und seine Absichten bleiben unklar. Er fragt sich, wieso Hanna ihm nicht vertraut.

„Genau wie Sie bin ich empört über die Art, wie wir die Schwarzen behandeln. Ich bin vielleicht nicht durch und durch gut, aber ich verabscheue die Verachtung, die wir diesen Menschen gegenüber zeigen. Zu glauben, dies könne immer so weitergehen, ist Wahnsinn, Einbildung und Dummheit.“ (296)

Eigentlich könnte sich Hanna also gut mit ihm verstehen, ihre Wege trennen sich aber und sie begegnet Kapitän Fortuna. Sie erkennt ihn ihm einen Bordellkunden. Er ist nach eigenen Angaben froh, dass er nicht so oft an Land ist.

„Menschen aus unserem Teil der Erde verwandeln sich in unerträgliche Geschöpfe, wenn sie nach Afrika übersiedeln. (…) Aber dass wir die Schwarzen auf eine Art behandeln, die sich rächen wird, daran besteht kein Zweifel.“ (334)

Wenn Henning Mankell sich entschließt, eine Erzählung über Hanna und den Kapitän zu schreiben, würde ich sie sofort lesen. Der Roman endet einige Seiten später und das ganz wunderbar. Vielleicht kann man es kitschig nennen oder unrealistisch, aber ich wüsste keinen besseren Schluss. Es werden nicht alle Fragen, die im Roman aufgeworfen werden, beantwortet. Damit muss ich leben. Schließlich ist es keine Biographie, sondern ein Roman.

Genau auf diese Tatsache geht Henning Mankell noch in seinem Nachwort ein. Er weist darauf hin, dass es sich um eine Mischung von Fakt und Fiktion handelt. Ein sehr dünnes Gerüst gaben Dokumente her, der Rest über das Leben von Hanna ist seiner Fantasie entsprungen. Das trifft leider nicht auf das geschilderte Verhältnis von Schwarzen und Weißen zu.

Ich bin wirklich froh, dass ich das Buch gewonnen und gelesen habe. Der Schutzumschlag wartet schon.

Das Buch auf der LovelyBooks-Seite

Henning Mankell: Erinnerung an einen schmutzigen Engel. Übersetzt vonVerena Reichel. Paul Zsolany Verlag, 352 Seiten, 21,90 €.

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